Liebe Everswinkelmaschine:
Wie sehr müssen sich
die Arbeitenden dir
noch unterwerfen?

Everswinkel
Maschine

von Lis Schröder, Medienkünstlerin

Es wäre so schön, sagen zu können, die Geräuschmusik sei aus der Klasse der industriell Arbeitenden heraus entwickelt worden. Wie nachvollziehbar und einleuchtend wäre das. Diejenigen, die tagein tagaus dem Sound der Maschinen lauschen mussten, hätten dessen rhythmisch-musikalische Qualitäten erkannt und in einer Geste der Selbstermächtigung angefangen, sich dieser Klänge als Produktionsmittel zu bedienen.

Ein locker-perkussives Geräusch, eine Art Beat. Es gibt eine leicht rumpelnde Basslinie, deren Resonanzraum nach Plastik klingt, so etwas wie Shaker, die vielleicht im Zischen von Luft oder im Brausen von Wasser ihren Ursprung haben, und ein hohes Klackern, an oder mit Glas, alles im Loop. Ab und zu im Hintergrund Stimmen, unverständliche Wörter, ein kurzer Ruf. Etwas an der Aufnahme erinnert mich an den Sound großer Samba-Kapellen im brasilianischen Straßenkarneval.

Doch so einfach ist das nicht. Es braucht zwei, drei gedankliche Hakenschläge mehr und vor allem eine Menge an überschüssiger Energie, um die alltäglichen Geräusche ihrer angestammten Sphäre zu entheben und ihnen als Klangereignis einen Eigenwert zuzuschreiben. Energie, die die Arbeitenden jedoch für gewöhnlich an den Maschinen verbrauchten. Und die es galt, sich in der spärlichen Freizeit auf anderen Wegen zurückzuerobern. So wurde die Popmusik erfunden, in der vielleicht aber die maschinellen Rhythmen leicht verwandelt fortlebten. Ja, ja. Ich weiß. So einfach war das natürlich nicht.

Liebe Everswinkelmaschine, ganz konkret: Wie sehr müssen sich die Arbeitenden dir noch unterwerfen? Wie steht es um dich im Jahr 2023? Wieviel Energie verbrauchst du? Und das heißt immer noch, auch: menschliche Lebensenergie?